Montag, 27. September 2010

Amritsar

Bereits im Zug merkten wir, dass wir Rajasthan verlassen und einen neuen Bundesstaat betreten hatten. Kräftige Sikh-Männer mit Turbanen, unter denen lt. Religionsvorschrift ungeschnittenes Haar zu verbergen ist, Bärten, Säbeln und Kämmen fielen unter den sonst schmalen Indern im Abteil auf. In den Autos wurde andere Musik ala Punjabi MC gespielt – wir hatten Amritsar und damit den Punjab erreicht.


Der Sikhs größtes Heiligtum, der Goldene Tempel, war der Grund für unseren Stopp auf dem Weg in Indiens Norden. Dieser Tempel wurde 1984, als die Sikhs für einen eigenen Staat kämpften, von ihnen besetzt und anschließend von Indira Gandhis (damals Premierministerin) Truppen gestürmt und zerstört. Daraufhin wurde sie von ihren beiden Sikh-Leibwächtern erschossen. Diese Geschichte steht symbolisch für viele Spannungen innerhalb der unterschiedlichen Volks- und Religionsgruppen Indiens, die heute noch andauern - Beispiel Kaschmir-Konflikt mit Pakistan, welches bis 1947 zu Indien gehörte.

Der Goldene Tempel, im Herzen des hektischen Amritsars, thront in einem Bassin heiligen Wassers. Seine Kuppel bildet imposant eine Lotusblüte aus 750 Kilogramm Gold nach. Nicht nur wir wurden an diesem heiligen Ort sehr herzlich empfangen, sondern jeder, egal welcher Religionsangehörigkeit, Hautfarbe oder sonstiger Unterschiede, konnte hier seinen Platz, kostenloses Essen und Ruhe finden, denn ein Glaubenssatz der Sikhs ist die Gleichheit aller Menschen und diese konnten wir hier erfahren.

Im Gegensatz hierzu wurden wir nur ein paar Kilometer weiter Zeuge der sowohl auf indischer als auch pakistanischer Seite sehr patriotisch vollzogenen Grenzpostenablösung. Nach nationalstolzem Flaggenschwenken und ausgelassenem Tanzen auf der Straße, angeheizt durch bezahlte Stimmungsmacher, schrien und marschierten Grenzposten beider Seiten und waren äußerst bestrebt, sich dabei gegenseitig zu provozieren und zu übertrumpfen.

Donnerstag, 23. September 2010

Rasjasthan

Indiens Bundesstaat Rajasthan ist der von Touristen am meisten bereiste. Seine Geographie macht es im Vergleich zu dem Rest von Indien (3.287.590 qkm) möglich, in begrenzter Reisezeit (in unserem Fall 3 Wochen) viele verschiedene Orte und Sehenswürdigkeiten auf „kleiner“ Fläche (342.239 qkm) zu sehen. Trotz der mit Deutschland vergleichsweise überschaubaren Größe verbrachten wir ca. 50 Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Zeit in Rikschas (sowohl motorisiert als auch beinbetrieben) ausgeklammert.

Im Reisetagebuch eines jeden Rajasthan-Bereisenden steht sicher etwas anderes über diesen als äußerst farbenfroh bekannten Bundesstaat. Grelle Häuserfarben, bunte Gewürze, leuchtende Turbane und Saris, hennabemalte Körperteile, glitzernder Schmuck sowie blinkende Reklameschilder zeichnen sich als Farbtupfer in der sonst kargen, wüstenähnlichen Landschaft ab. Viele der Farben haben sogar eine tiefere Bedeutung oder Funktion wie zum Beispiel: Die Herrscherkaste trägt blaue Gewänder um den Monsun herbeizurufen und Krieger gelbe Turbane, wenn sie in die letzte Schlacht ziehen. Blau unterstützt die Wärmeregulierung der Häuser, wodurch Jodhpur den Beinamen „Blaue Stadt“ erhielt. Als „Rote Stadt“ wird Jaipur bezeichnet, da hier die Gebäude zu Ehren eines Besuchs des Prinz of Wales Edward (1876) als Zeichen der Gastfreundschaft entsprechend gestrichen wurden.


Die verschiedenen Erlebnisse in unserem Tagebuch leuchten ebenfalls in unterschiedlichen Farben. Die Landschaft Rajasthans konnten wir dank eines außergewöhnlichen Monsuns (seit vier Jahren der erste Niederschlag) in gesundem grün erleben.

Die herzlich offene Begegnung mit Krissis „Pflegefamilie“ in Udaipur leuchtete einladend orange. Sie hießen uns in ihrem Haus herzlich willkommen und gaben, die Familie ums Krankenbett der Mutter versammelt, einen Einblick in indische Häuslichkeit. Bei der Einladung zum Thali-Abendbrot bekamen wir eine Einführung in indische Tischetikette. Wir formten lediglich mit der rechten Hand (die linke ist unrein) Chapati (Brotfladen) zu löffelähnlichem Werkzeug, um anschließend Reis, Linsen, Okraschoten, Kartoffeln, Tofu und sogar flüssige Nahrung in den Mund zu schaufeln.


Hilfsbereitschaft und Neugier strömte uns in der einfachsten Zugklasse als lebendiges gelb entgegen. Die Hilfsbereitschaft reichte von Essenstipps durch einen Versicherungsvertreter bis zur Reisewarnung von einem kaschmirischen Zahnarzt und beinhaltete ebenfalls die rot leuchtende Information, dass die Zugfahrt 24, statt den erwarteten 7 Stunden dauern würde. Bunt funkelndes Highlight war eine Gruppe Studenten, die ihr von Mama zubereitetes Abendbrot großzügig mit uns teilte, während sie uns mit Fragen über Leben, Preise, Kultur usw. überhäuften, wir Hindi- und sie Deutschbrocken aufschnappten und der typisch indische „Brauch“ weiße Touristen zu fotografieren vielfach vollzogen wurde.

Die zahlreichen Umzüge zu Ehren der Götter schleudern uns sogar pulverförmige Farben des gesamten Farbkreises ins Gesicht. Der Geburtstag des Gottes Ganesha z. B. wurde indienweit 10 Tage lang lautstark zelebriert und ist einer der kürzeren das ganze Jahr über stattfinden Festivals. Sind diese religiösen Verpflichtungen vielleicht ein Grund warum uns der Gestank von Müll und Verdauungsendprodukten von Mensch und Tier herb xxx-braun in die Nase steigt?


Ständiger Lärm, der aus Hupen schreit, aus Handys dröhnt, als indische Musik quäkt sowie aus menschlichen und tierischen Kehlen krakeelt, bellt oder muht lässt signalrote Blitze in uns zucken, die anstrengen und ermüden.


Giftiges Grün lässt unsere Antennen vibrieren, wenn einfallsreiche Inder nach freundlicher Einleitung schnell zum Geschäftlichen kommen. Sicherlich ist die Mitgefühl erregende Armut, die unseren Nasen an jeder Ecke in fahlem Grau mitteilt, wie gut es uns geht, ein Grund für den von klug bis brutal reichenden Einfallsreichtum der Inder beim Geld beschaffen.

Erdfarbe von Palästen und Festungen, von denen einige heute noch von Maharadschas und ihren Familien bewohnt werden, strahlten insbesondere von Jaipurs Hawa Mahal (Palast der Winde), Jodhpurs Mehrengarh Festung, Udaipurs City Palast und der Kumbalgarh Festung Ewigkeit und Macht aus. Hier fühlten wir uns in die Märchenwelt aus 1001er Nacht versetzt, während vor den alten Toren die neue Welt rasant und gewaltig heranbricht - wie damals die Rajut-Krieger in einen Kampf.

Freitag, 10. September 2010

Agra



Wenn die Liebe ein Bauwerk wäre, wäre sie das Taj Mahal…

Shah Jahan ließ dieses wunderschöne Mausoleum für seine zweiten Frau Mumtaz Mahal von 1631 bis 1653 errichten. Sie war ihm auf das Kriegsfeld gefolgt und starb hier kurz nach der Geburt ihres 14. Kindes. Kurz nach der Fertigstellung wurde Shah Jahan von seinem Sohn im Agra Fort unter Hausarrest gestellt. Von seinem Gefängnis aus hatte er, wie wir bei der Besichtigung der Festung, für dreizehn Jahre einen dramatischen Ausblick auf das Taj Mahal. Das Fort diente im 16./17. Jahrhundert während der Mughal-Epoche als Wohn- und Regierungssitz bis Delhi Agra als Hauptstadt ablöste.

Die Sonne ging für uns am Ufer des Yamuna Flusses in einem schattig, duftenden Park unter und tauchte den für uns vollkommenen Bau des Taj Mahals in cremefarbenes, rötlich schimmerndes Licht.



Mittwoch, 8. September 2010

Auf Buddhas Spuren - die Zweite



In Bodhgaya, welches in Indiens ärmsten und korruptesten Bundesstaat Bihar gelegen ist, erlangte Prinz Siddharta nach 49 Tagen Meditation Erleuchtung. Wir verbrachten einen Tag an diesem als Gründungsstätte des Buddhismus geltenden Ortes, wo mittlerweile ein Tempel in schönem Garten steht und Pilger aus aller Welt anzutreffen sind. Der ursprüngliche Bodhibaum, unter dem Buddha saß wurde im 3. Jh. vor Christus von Ashokas eifersüchtiger Frau gefällt, seine Tochter jedoch rettete einen Ableger nach Sri Lanka. Der Baum, der uns Kühle spendete wiederrum ist ein Geschenk Sri Lankas an Indien. Unter ihm fanden wir eine friedvolle Atmosphäre, wurden aber nicht direkt erleuchtet ;)

Einen weiteren Ausflug nach Sarnath unternahmen wir zu dem Ort, an dem Buddha Sakyamuni das Rad der Lehre in Bewegung setzte.



Montag, 6. September 2010

Varanassi

„Bereite Dich vor! Du bist dabei eine der farbenprächtigsten, chaotischsten, unentschuldbar indiskretesten Plätze dieser Erde zu betreten!“ Hier finden sehr intime Rituale von Leben und Tod in der Öffentlichkeit statt und das was an den Ghats (Anlegestellen für Boote am Ganges) zu sehen, zu hören, zu riechen ist sowie die kontinuierliche Aufmerksamkeit von Schleppern sind überwältigend und nicht ignorierbar. Varanasi macht keine Gefangenen.“ (Zitat Lonely Planet – Reiseführer)

Es stimmt. Varanasi ist schmutzig, laut, übelriechend, überfüllt, nervtötend, voller Schlepper und kleiner „Geschäftemacher“, ABER trotz alldem konnten wir in eine andere Seite dieser Stadt am heiligen Ganges eintauchen. Hindus kommen zu den Ghats, um sich im Wasser Mutter Gangas, welches hier 1,5 Millionen Kolibakterien pro Liter (weniger als 500 pro Liter gelten als sicher) aufweist, von Sünden reinzuwaschen, zu baden, Wäsche oder Geschirr zu waschen, Tiere zu tränken und zu reinigen oder Heilige und Tiere zu bestatten. Zwei „Burning Ghats“ zur Leichenverbrennung sind in ständiger Benutzung. Diese Rituale von Leben und Tod finden in unmittelbarer Nähe zueinander und völlig selbstverständlich statt und riefen uns den Kreislaufs des Lebens eindrucksvoll ins Bewusstsein. Umrahmt wurde dieser Alltag von festlichen Pujas (religiöse Feierlichkeiten zu Ehren der Götter), die täglich zelebriert werden.

Nach drei Nächten in einer Unterkunft mit Familienanschluss mitten in der Stadt, entzogen wir uns dem Lärm sowie der Geschäftigkeit und zogen in ein Hotel direkt am Ganges, wo keine Rikschas Zugang haben. Auf unserem Balkon wehte uns der Wind um die Nase, wir konnten das Treiben auf und am Ganges beobachten und überraschenderweise keimte ein Gefühl von Venedig auf.